AUTOREN VORGESTELLT

Franz-Rudolf Woll

Kurzbiographie Franz-Rudolf Woll wurde 1950 im Saarland geboren. Nach dem Abitur zunächst Studium der katholischen Theologie in Trier und Strasbourg (Diplom 1973) und danach der Humanmedizin in Homburg/Saar (Staatsexamen und Approbation 1979). Nach Krankenhaustätigkeit an verschiedenen Kliniken im In- und Ausland Niederlassung als Facharzt für Allgemeinmedizin und Landarzt in der Eifel und danach in der Nähe von Trier. Insgesamt 27 Jahre praktische Tätigkeit in dieser Funktion. Schon während des Medizinstudiums mehrwöchige Famulatur in Tansania und Senegal, später als Facharzt für Allgemeinmedizin (2005) noch einmal in Tansania. Seit Juli 2010 ist er aus gesundheitlichen Gründen früh berentet. Seit diesem Zeitpunkt Beginn schriftstellerischer Tätigkeit. Er ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und wohnt in der Nähe von Trier.


SEINE DREI BÜCHER: Nicht alltäglich – ISBN 978-3-884-80956-5


Hiermit legt F.-R. Woll erstmalig ein Bändchen mit Kurzgeschichten vor, die nur zum Teil etwas mit seiner ehemaligen beruflichen ärztlichen Tätigkeit zu tun haben ( „Exploration“ ). Der Autor versucht sich in dem Genre der Kurzgeschichte, die vor Jahren noch zu den beliebtesten Gattungen der Literatur gehörte – man denke nur E.A. Poe, E. Hemingway, H. Böll, S. Borchert und H. Böll -, dann etwas aus dem Focus geriet und neuerdings eine gewisse Renaissance erfährt. Bei den von Woll verfassten Geschichten begegnet uns Humorvolles („Fremdsprachen“), Krimispannung („Mord am Limes“, “Grenzzwischenfall“), Lustiges und Selbstironisches („Ein echtes Schnäppchen“), aber auch Tiefsinniges („Salute amici“). Die Bandbreite menschlichen Lebens austastend wird die Lektüre dieser Geschichten sicher ein Gewinn für den Leser sein.


„Hallo, wo ist denn hier die Leiche?“ – ISBN 978-3-842-34870-7

Nächtlicher Feuerwehreinsatz, Patientenklau im Urlaub und eine nicht vorhandene Leiche auf dem Friedhof gehören im Leben eines Landarztes genauso zum Alltag wie ein Beinahe-Kaiserschnitt bei einer trächtigen Kuh oder das Survival-Training in einer französischen Vogesenkleinstadt. Franz-Rudolf Woll erzählt in seinem satirischen Werk witzige und teils haarsträubende Anekdoten aus seiner langjährigen Tätigkeit als Allgemeinmediziner in einer Landarztpraxis. Die autobiographischen Episoden sind spritzig und mit einem guten Schuss (Selbst-)Ironie in lesefreudigem, unterhaltsamem und fesselndem Stil geschrieben.

„Habari gani Tansania“ - eine ( nicht nur medizinische ) Reiseerzählung ISBN 978-3-844-80003-6

1976. Der angehende Arzt Franz-Rudolf Woll absolviert – inspiriert von Albert Schweitzer – ein Praktikum in einem Missionskrankenhaus mitten im afrikanischen Busch – im tansanischen Ndanda. Dort erwartet ihn nicht nur eine fremde Kultur, sondern auch ein komplett anderes Verständnis von Medizin. Arzt in Afrika sein heißt: man ist findig im Improvisieren, muss Verständnis haben für uns fremde Sitten und Gebräuche - und: man kämpft täglich mit unzureichenden Mitteln gegen den Tod. 29 Jahre später begibt er sich auf eine Reise in die eigene Vergangenheit. Auf der Flucht vor der Bürokratie-Medizin Europas kehrt er zurück nach Ndanda. Was wird ihn dort erwarten ? Hat sich sein Wunsch, die medizinische Versorgung habe sich verbessert, erfüllt ? Eine spannende Begegnung zweier Erfahrungen aus dem Afrika von gestern und heute.

Leseprobe aus „Nicht alltäglich“: Ängste in Frisco


„Du brauchst wirklich keine Angst zu haben. Du wirst sehen, das sind Menschen wie Du und ich.“ „Ja, ja, die immer und überall einen Revolver mit sich herumschleppen und alles, was sich ihnen in die Quere stellt, umnieten.“ „Aber nein doch, mein Schatz. Du wirst den Charakter der Amis lieben lernen. Ich habe es selbst erlebt“, versuchte Thorsten seine Frau Olivia zum x-ten Male zu überzeugen, „als ich letztes Jahr in Ohio war.“ Olivia gab ihren Widerstand auch jetzt nicht auf, als sie gerade das Terminal des Frankfurter Flughafens betraten. „Ich habe einfach Schiss.“ „Okay, das verstehe ich ja. Aber Du lässt Dich echt zu sehr von irgendwelchen übertriebenen Filmen einschüchtern. Am Ende wirst Du so begeistert sein von diesem Land, seinen wunderbaren Menschen und Landschaften, dass Dir diese neun oder zehn Tage viel zu kurz vorkommen werden“, versuchte er es noch einmal mit letzter Überzeugungskraft. Er wollte Olivia geradezu seine Sicht dieses Landes einimpfen. Er hatte sich nach Wochen der Diskussion auf einen Kompromiss mit ihr geeinigt. Neun Tage. Wenn es Olivia nicht gefallen sollte, lassen sich neun Tage noch einigermaßen ertragen. Sollte es ihr, womit er fest rechnete, gefallen, waren neun Tage viel zu wenig und verlangten nach längerer Wiederholung. Zuletzt hatte sie sich überreden, aber nicht überzeugen lassen. Und nun klopfte sie alles, was ihr an Amerikanischem über den Weg lief, daraufhin ab, ob es sich mit ihren Vorstellungen von „typisch amerikanisch“ deckte. Die Maschine von Delta Airlines hatte abgehoben; der Lunch, den die Stewardessen verteilt hatten, war für Olivia typisch amerikanisch. „Der Fraß kann doch keinem normalen Menschen schmecken.“ Thorsten versuchte es noch einmal. „Was Du als Fraß bezeichnest, wurde in einer deutschen Lufthansaküche für den Rückflug dieser ameri-kanischen Maschine von Delta Airlines produziert und ist somit deutscher Fraß.“ „Und wenn schon. Geschmeckt hat es nicht“, beharrte sie auf ihrer Meinung. Irgendwann am frühen Nachmittag war ihre Maschine auf Friscos internationalem Airport sicher gelandet. Allein der kilometerlang gefühlte Fußmarsch über Rolltreppen, Unter- und Überführungen bis zum Erreichen der immi-gration authority gestaltete sich für Olivia mit ihrem deutschen kleinbürgerlichen Dorfhinter-grund überwältigend und beängstigend zugleich. Ganz zu schweigen von den peniblen Befragungen und dem Durchwühlen ihres Gepäcks durch den anschließenden Zoll. Und jetzt die Jagd zum nächsten Taxi. Der nächste Taxidriver entstammte der chinesischen Volksgruppe, klein und ewig lächelnd. „Meinst Du, der hat uns verstanden?“ „Aber klar doch, das macht der tausend Mal am Tag.“ Und ab ging die Fahrt durchs Verkehrsgetümmel. Zum Holiday Inn. Klare Ansage. Gepäckübernahme durch einen Livrierten, Ankunft am Front desk. „Hoffentlich sind unsere Sachen jetzt nicht weg auf Nimmerwiedersehen.“ Die Stimme des netten Rezeptionisten: „Sorry, Sir. Ich glaube, Sie sind hier falsch bei uns. Hier ist das Holiday Inn Fishermans Wharf. Hier in Frisco haben wir mehrere Holiday Inns. Ich sehe im Computer, dass Sie im Golden Gateway gebucht haben. Ich rufe Ihnen unser Haustaxi, das Sie und Ihre Frau sofort zur richtigen Adresse bringen wird.“ Ihr Gepäck war längst in der Halle wieder aufgetaucht und nahm seinen Weg zum Haustaxi. Olivia und Thorsten hinterher. Eine riesige Stretchlimo mit schwarzen Fensterscheiben stand für sie bereit. Die Christbaumbeleuchtung im Innern und der frisch aufgebrühte Kaffee wirkten keineswegs beruhi-gend auf Olivia. Auch nicht der mexikanisch anmutende Driver, der vorne links einstieg. Thorsten legte beruhigend seine Hand auf Olivias Arm. „Geht doch alles in Ordnung. Wir sind in San Francisco. Hier ist alles ein bisschen anders als in Old Germany.“ Der Fahrer stoppte kurz, ein zweiter Mann, ebenfalls südamerikanisch anmutend, stieg zu. „Den beiden da vorn traue ich nicht. Wer weiß, wo die uns hinbringen. Hier sucht uns doch kein Mensch“, flüsterte sie. Olivias Verkrampfung hielt an, bis das Schild Holiday Inn Golden Gateway sichtbar wurde. „Na, was sagst Du jetzt? Immer noch angst und bange?“ Ein wenig schien es Olivia besser zu gehen. Vor allem, nachdem der Check in problemlos über die Bühne gegangen war und sie ihr Gepäck in Empfang genommen hatten. Thorsten konnte Olivia zu einer Kleinigkeit zu essen im hoteleigenen Restaurant überreden. Aber auch während des Essens sah sie überall Leute mit Pistolen rumlaufen; am liebsten hätte sie jeden persönlich befragt und nach Waffen abgetastet. Am Nebentisch saß ein junger Mann, der sich intensiv mit seinem Laptop beschäftigte. Plötzlich sprang der Mann von seinem Stuhl auf und kam mitsamt seinem Laptop an Olivias und Thorstens Tisch. „Ich habe gerade unabsichtlich mitbekommen, dass Sie aus Deutschland sind“, und zu Olivia gewandt, „und ein bisschen Angst in unserem schönen Land haben. Nun, ich kann Sie gut verstehen, dass man Angst bekommen könnte, wenn man so manchen Film im Fernsehen zu sehen bekommt. Aber glauben Sie mir“, fuhr er in einwandfreiem Deutsch mit dem heiße-Kartoffel-im-Hals-Akzent fort, „Gewalt in USA, lassen Sie mich überlegen“, wobei er nachdenklich Zeige- und Ringfinger seiner rechten Hand an seine Wange legte, „habe ich persönlich genau zwei Mal erlebt. Einmal vor etwa zehn Jahren eine Straßenschlägerei in Boston, und ein zweites Mal in L.A. vor vielleicht einem Jahr bei einer Schießerei zwischen der Polizei und einem Bankräuber. Und hier lebe ich jetzt wieder seit fast 20 Jahren. Ich habe übrigens einige Zeit in Deutschland verbracht und ein paar Jahre in Hamburg studiert.“ Dabei zog er seine Geldbörse aus seiner Hosentasche, entnahm ihr eine Kontokarte der Hamburger Stadtsparkasse und legte sie zum Beweis auf den Tisch. „Wenn ich meine Zeit in Deutschland mit hier vergleiche, da war in Hamburg echt viel mehr los als hier. Kriminelles, meine ich.“ Als er sich verabschiedete, waren Olivias Ängste sichtbar reduziert. Für den nächsten Tag und die restliche Zeit in Kalifornien hatten sie schon von Deutschland aus einen Wagen angemietet, den man ihnen auf dem Parkdeck des Hotels pünktlich bereit gestellt hatte. Die Übergabe war typisch amerikanisch, d.h. ohne weitere Erklärung. In diesem Land nahm man offensichtlich von vorne herein an, dass jeder mit einem Auto umgehen kann. Unkomplizierter wäre in Old Germany vielleicht nur die Übergabe eines Tretrollers vonstatten gegangen. Der erste Tankstopp stand irgendwann an. Thorsten hielt neben einer der vielen Tanksäulen und begab sich auf die Suche des Knopfes zum Öffnen des Tankdeckels. Weder in Nähe des Armaturenbrettes noch am Fußboden bei den Vordersitzen noch an der Türverkleidung fand sich ein Knopf, der für die Funktion der Tankdeckelöffnung vorgesehen schien; alles Stellen, an denen man einen solchen Mechanismus hätte vermuten können. Olivias Spannungsthermometer war wieder am Steigen. Selbst mit vereinten Kräften fanden sie den Knopf nicht. Die rettende Idee hatte Thorsten, als er den Kofferraumdeckel öffnete und dort, an der Seite versteckt, einen Plastikgriff entdeckte. Es machte „Klack“, und der Tank war offen, wenn auch nur mittels dieses Notfallhebels. „Nicht gerade komfortabel“, meldete sich Olivia, „für ein Auto im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Aber besser als nichts.“ Unter Olivias kritischen Blicken den Tankrüssel in den Einfüllstutzen bugsiert. Es tat sich nichts. „Was ist das denn schon wieder?“ „Beruhige Dich, mein Schatz, ich werde an der Rezeption fragen.“ „Ich gehe mit.“ Das Fräulein an der Theke fragte ausgesprochen freundlich nach ihrem Begehr. „Ah ja. Bei uns in USA muss man vor dem Tanken bezahlen. Für wie viel Dollar möchten Sie denn tanken?“ „Voll bitte. Für wie viel Dollar? Hm. Sagen wir dreißig?“ „Wie bitte? Haben Sie draußen einen Truck stehen?“, war ihre überraschte Antwort. „Fünf müssten genügen“, nach einem prüfenden Blick nach draußen. Und in der Tat reichten fünf Dollar. Denn der angegebene Preis bezog sich auf Gallonen und nicht Liter, und das zu einer Zeit, in der man für eine Gallone weniger als fünfzig Cent berappen musste. Olivias Adrenalinspiegel begann wieder zu sinken bei so einer positiven finanziellen Überraschung. Überhaupt genoss sie von Tag zu Tag mehr die wunderbare Landschaft und die Menschen dieses Landes. Beim letzten Tankstopp vor Rückgabe ihres Mietwagens kurz vor Frisco Airport wiederholten sie beide zum letzten Mal ihr Ritual, den Kofferraumdeckel zu öffnen, um an den Tankdeckel zu gelangen. An dieser kleinen Tankstelle bediente man sie jedoch persönlich. Der Tankwart schaute interessiert auf Thorstens Manipulation, die sie auf der gesamten kleinen Reise durch Kalifornien praktiziert hatten. Wortlos ging der Tankwart zur Beifahrertür, öffnete die Klappe des Handschuhfachs, deutete kommentarlos auf einen gelben Knopf an der Innenwand und drückte kurz darauf. Der Tankdeckel öffnete sich wie von Geisterhand. „Amerika, du siehst uns bald wieder.“

Leseprobe aus „Habari Ghani“: Urologie in Ndanda im Jahre 2005


Wie schon erwähnt, fiel die Operationsmethode TUR mangels Instrumentarium ins Wasser. Also blieb uns nur die übliche operative urologische Arbeit mittels Skalpell. Übrigens ließen wir zum Selbstschutz wegen der drohenden AIDS-Gefahr bei allen Operationen äußerste Vorsicht walten, indem wir peinlich Eigenverletzungen vermieden und grundsätzlich immer ein doppeltes Paar OP-Handschuhe überstreiften. Die histologischen Befunde dauerten oft Wochen, bis wir sie in Händen hielten, den bei uns üblichen Schnellschnitt gab es natürlich auch nicht. Die nächste pathologische Abteilung befand sich nämlich in Moshi, also meilenweit entfernt. Und so mussten wir ohne auskommen und uns ganz auf Erfahrungswerte verlassen. In totaler Hoffnungslosigkeit versanken die Fälle von Blasenbilharziose, die durch Kontakt mit den in stehenden Gewässern auftretenden Filarien hervorgerufen wird. Dabei erscheint die Blase schon bei der Blasenspiegelung wie mit Beton ausgekleidet. Neben der medikamentösen Initialtherapie würde man bei uns, käme sie bei uns überhaupt vor, die Blase operativ entfernen und eine perkutane Ureterostomie anlegen. Diese Maßnahme ist aber leider für die meisten Menschen in Afrika, die im Busch leben, völlig ungeeignet, weil sie ständiger Pflege und Kontrolle bedarf. Also mussten wir diese Patienten - oft junge Menschen - unverrichteter Dinge nach Hause schicken, wohl wissend, dass dies ihr Todesurteil bedeutete. Ein neunundvierzigjähriger Patient klagte über starke rechtsseitige Flankenschmerzen. Bei der Ultraschalluntersuchung konnte man große Konkremente in beiden Nieren erkennen. Als er anfing, Fieber zu entwickeln, entschlossen wir uns zur Operation rechts. Einen Stein zu lokalisieren, erwies sich intraoperativ leider als unmöglich, erst recht ihn zu entfernen; nicht zuletzt auch wegen des nicht geeigneten Instrumentariums. Eine geeignete Steinfasszange wäre unbedingt erforderlich gewesen; es befand sich jedoch keine im Operationssieb. Als sich dann auch noch massiv Eiter aus der Niere entleerte, blieb nur die Möglichkeit, die Operationswunde zu verschließen. War es eine infizierte Steinniere, eine Tbc-Niere? Bilharziose? Wir wussten es nicht. Es blieb nur das Prinzip Hoffnung. Erstaunlicherweise ging es dem Patienten hinterher rasch besser. Zum Lachen regte uns ein älterer Patient an, dem wir mit größter Mühe zwei dünne Harnleiterkatheter und einen Bougie in die Harnröhre eingeführt und fixiert hatten. Es war uns mit dieser Kombination, weil uns als Notfallmaßnahme wegen der äußerst großen und unüberwindbaren Prostata keine andere Möglichkeit blieb, ein äußerst delikates Kunstwerk gelungen. Wir waren der Meinung, dass diese Maßnahme für einen Tag halten sollte; wir hatten die drei Teile ordentlich fixiert. Umso überraschter waren Rudolf und ich, als der Mann sich am nächsten Tag vereinbarungsgemäß wieder vorstellte, und zwar ohne Harnleiterkatheter und Bougie. Auf unsere verblüffte Frage, wo denn die Geräte abgeblieben seien, bekamen wir zur Antwort, sie seien ihm gestohlen worden. Oder hatte er sie vielleicht meistbietend verhökert? Aber an wen und zu welchem Zweck, haben wir uns gefragt. Es gab keine Antwort auf diese Frage. Einen großen Raum nahm gerade bei den Männern die Frage der Potenz ein. Dazu muss man keineswegs befürchten, dass afrikanische Männer überdimensional auf diese Frage fokussiert seien, wie man bisweilen hören kann. Die Frage der sexuellen Potenz spielt allein deshalb eine wichtige Rolle, weil das Zeugen von Nachkommen quasi als Versicherungsschutz aller Art so bedeutend ist und Überleben garantiert. Übrigens haben aus dem gleichen Grund auch Verhütungsmethoden so geringe Chancen. Einmal wurden wir von einem Schnitzer der Region gebeten, ihm doch ein Medikament zur Verbesserung seiner Potenz zu verabreichen. Alle urologischen Befunde waren unauffällig. Auf unsere Frage, „wie oft er denn so könne“, war die Antwort des Mannes von sicher Mitte Fünfzig: „So zwei bis drei Mal.“ Unsere erstaunte Rückfrage: „In welchem Zeitraum?“ Und ebenso seine erstaunte Präzisierung: „Am Tag natürlich.“ Für solche Fälle führten wir immer die guten Vitaminbonbons mit uns. Und siehe da! Bei Wiedervorstellung nach einer Woche äußerte sich der Mann voll des Lobes, dass sich seine Potenz auf Grund des neuen Medikamentes deutlich gebessert habe.

Leseprobe aus "Hallo, wo ist denn hier die Leiche?": "Sonntagsdienst"

Es war ein sauheißer Sonntagnachmittag, und ich hatte mal wieder Notdienst. Ich bemerkte, wie eine junge Dame von vielleicht siebzehn Jahren auf hohen Stöckelschuhen und in luftigem Sommerkleid die Treppen zum Praxiseingang herunter tippelte, in ihrem Schlepptau ein junger Mann in Rotkreuzuniform, sicherlich nur wenig älter als besagte Dame selbst. An der Tür nahm ich die beiden in Empfang, und ohne viel Aufhebens bedeutete mir der junge Sanitäter, dass seine Freundin unter starken Unterbauchbeschwerden leide. Er war allerdings nur zufällig in Sanitäteruniform wegen eines Diensteinsatzes im Nachbarort. Jetzt sei er nur in der Funktion als frischgebackener Freund der Dame dabei. „Und das seit genau vier Wochen“, wie er voller Stolz betonte. Die Dame machte mir nicht den cleversten Eindruck, was sich bei der folgenden Anamnese bestätigte. Ich ließ sie gleich auf der Untersuchungsliege neben dem Ultraschallgerät Platz nehmen und begann mit der Routinebefragung. „Seit wann haben Sie die Beschwerden im Bauch?“ Ihr fragender Blick ging Richtung Freund. „Seit wann habe ich die Beschwerden?“ „Mir hast Du eben gesagt, seit etwa drei Stunden“, kam es genervt von der Sanitäterpartei. „Was haben Sie außer den Schmerzen im Bauch sonst noch bemerkt? Schmerzen beim Wasserlassen?“ Wieder der Blick zum Freund. „Habe ich Schmerzen beim Wasserlassen?“ „Das weiß doch ich nicht.“ Karl wurde zunehmend mürrischer. „Ist der Stuhlgang normal?“ „Ist mein Stuhlgang normal?“ Wieder die Drehung ihres Kopfes in Richtung Karl und der Unterstützung erheischende Blick zu ihm. „Ihre letzte Periode?“ „Meine letzte Periode? Karl, wann war das“? „Vor vier Monaten, hast Du mir gesagt“, sichtlich genervt. Ich merkte schon, irgendwie kamen wir so nicht weiter. Ich begann, den Bauch der Patientin abzutasten und zu auskultieren, ohne Besonderheiten. Natürlich hatte ich jetzt schon einen Verdacht. Ich griff zum Ultraschallkopf, schmierte den Bauch der Patientin mit Ultraschallgel ein und erkannte sofort, was Sache war. „Junge Frau, Sie sind im dritten Monat schwanger. Das ist die Ursache Ihrer Bauchbeschwerden. Eindeutig. Kein Zweifel. Auch die Größenverhältnisse der Frucht passen genau. “ Ein Freudenschrei entfuhr ihr. Karl, ihr neuer Freund, eilte zur Liege, beide lagen sich voller Glück in den Armen. „Wir bekommen ein Kind, und Du wirst Vater, Karl! Ist das nicht toll?“ Karl erholte sich langsam vom ersten Freudentaumel und wandte sich sehr nachdenklich in meine Richtung. „Was sagten Sie eben? Dritter Monat? Dann kann ich ja gar nicht der Vater sein. Wir kennen uns doch erst seit genau vier Wochen.“ Im weiteren Verlauf des Gespräches stellte sich heraus, dass sie wirklich siebzehn Jahre alt und seit zwei Jahren als Auszubildende zur Fleischereiverkäuferin in der benachbarten Kleinstadt angestellt war. Der Vater ihres ungeborenen Kindes konnte ihrer eigenen Erinnerung nach, wenn nicht Karl, dann nur der Chef des Metzgereibetriebes sein. Ich bot ihr an, in dieser Situation behilflich zu sein, gegebenenfalls mit ihren Eltern und ihrem Chef zu reden. Einzige Reaktion von ihr: „Warum? Ist doch alles klar.“ Beide trotteten in trauter Einigkeit von dannen, Karl und seine schwangere Freundin. Irgendwie war ich dankbar, dass meine weitere Hilfe nicht gebraucht wurde und dass der langweilige Dienstnachmittag eine so kurzweilige Unterbrechung erfahren hatte.